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Jüdischer Friedhof in Warschau

Cimeterium Judaeorum – der erste jüdische Friedhof (bis 1527)

Der erste jüdische Friedhof in Warschau war der cimeterium Judaeorum, welcher spätestens im Jahre 1527 aufgelöst wurde. Er befand sich in der Nähe der heutigen Krakowskie-Przedmieście-Straße, wie es aus einem Schriftstück aus der Zeit des Fürsten Bolesław V. (ca. 1453 – 1488) hervorgeht. Dort heißt es, dass „sich auf dem Weg nach Czersk ein jüdischer Friedhof befindet“. In unmittelbarer Nähe muss also auch der katholische Friedhof gewesen sein. Der jüdische Friedhof dürfte nicht sonderlich groß gewesen sein, da die Gemeinde nur 100 bis 120 Personen umfasste.

Nach der Vertreibung der Juden aus der Stadt begruben die Juden ihre Familienmitglieder in den umliegenden Städten  Nowy Dwór, Grodzisk oder Sochaczew.

Friedhof in Targówek (existiert bis heute)

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Matzewen auf dem jüdischen Friedhof in Warschau (Targówek) / Adrian Grycuk on wikimedia [CC BY-SA 3.0 PL]

Von 1527 bis zu den 40er Jahren des 18. Jahrhundert gab es in Warschau keine jüdischen Begräbnismöglichkeiten. Auch der Friedhof in Targówek, welcher seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts existierte, war kein formell anerkannter Friedhof, sondern leidglich ein Platz, wo Begräbnisse nach jüdischem Ritus stattfinden durften.

Erst 1780 erlangte Szmul Jakubowicz Zbytkower, der persönliche Bankier des polnischen Königs Stanisław August Poniatowski, eine formelle Erlaubnis einen jüdischen Friedhof in Warchau anzulegen.

Eine weiter Erlaubnis erhielt er vom Bischof von Płock Michał Jerzy Poniatowski (Bruder von S.A. Poniatowski) unter der Bedingung, dass die Trauerzüge still ablaufen und Szmul Zbytkower jährlich 100 Kilogramm Talg an die Kirche in Skaryszew liefert. 

Es dauerte 4 Jahre, bis die erste Beilegung stattfand. Der Friedhof wurde nach Geschlechtern getrennt. Der erste Mann, der begraben wurde, hieß Elchanan, Sohn von Jekusjel.

Die Organisation des Friedhofs übernahm eine dafür speziell gegründete Begräbnisbruderschaft, auch Heilige Bruderschaft genannt (Chewra Kadisza), an deren Spitze Szmul Zbytkower stand. Nach seinem Tod 1810 übernahm die Bruderschaft die volle Verantwortung über den Friedhof. Seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts fanden hier die meisten Begräbnisse statt, vor allem die kostenlosen.

1941 schließlich entschieden die Nazionalsozialisten den 18,5 Hektar großen Friedhof zu schließen. Ein Teil der Grabplatten sollte sogar für einzelne Bauvorhaben verwendet werden.

Nach dem Krieg verwahrloste der Friedhof, da es niemanden gab, der sich darum kümmern könnte. Erst in den 80er Jahren engagierte sich die Familie-Nissenbaum-Stiftung in die Kultivierung des ganzen Areals. Die 1983 von Zygmunt Nissenbaum in Deutschland gegründete Stiftung wollte den Friedhof in ein Denkmal umfunktionieren. Zygmunt Nissenbaum lebte vor dem 2. Weltkrieg in Warschau.

Nach dem 2. Weltkrieg ging die Verwüstung des Friedhofs weiter. Sogar die Friedhofsmauer wurde abgetragen. Von insgesamt 300.000 Gräbern blieben bis heute nur noch knapp 3000 Matzewen übrig. 

Nördlich des jüdischen Friedhofs liegt der katholische Friedhof Bródno. 

 

Jüdischer Friedhof an der Okopowa-Straße

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Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof in Warschau an der Okopowa-Straße / Chris on flickr [CC BY-NC-ND 2.0]

Der jüdische Friedhof an der Okopowa-Straße wurde 1799 angelegt. Im Süden grenzte er an den evangelisch-augsburgischen Friedhof von 1792 sowie an den kaukasisch-islamischen Friedhof von 1838. Im Norden befindet sich der katholische Friedhof von 1790 – auch Powązki genannt. Alle Friedhof sind von einer gemeinsamen Mauer umgeben.

 

 

 

Die Anfänge

Das erste Begräbnis (Männer und Frauen wurden getrennt begraben) erfolgte im Jahre 1807. Der erste Mann war Nuchym aus Siematycz, die erste Frau Elke Junghof. Durch zahlreiche Vergrößerungen erreicht der Friedhof eine Fläche von 33,6 Hektar. Vor dem 1. Weltkrieg wurden bis zu 1500 Begräbnisse gezählt. Damit man so viele Gräber auf dem Friedhof unterbringen konnte, entwickelte man ein neues System. Man entfernte die Grabsteine von Gräbern, die 50 Jahre und älter waren, schüttete frische Erde auf und legte die neuen Gräber oben drauf. So entstanden die sogenannten Etagenfriedhöfe. Wenn Sie den Friedhof betreten, sehen Sie diese Gräber gleich vor Ihnen. Bis 1936 wurden hier ca. 130 Tausen Menschen begraben.

Verschiedene Begräbnisformen

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ein ungeschriebenes Gesetz der Begräbnisform, die mit der Zeit zu Streitigkeiten zwischen zahlreichen Stömungen innerhalb des warschauer Judentums hervorrief. Daher wurde 1913 eine diversifizierte Regelung geschaffen, um die verschiedenen Strömungen zu besänftigen. Die Quartiere wurden aufgeteilt:

  • ordnungsgemäß
  • konservativ
  • fortschrittlich
  • Kinderquartier

Die ordnungsgemäßen und konservativen Quartiere wurden zusätzlich nach Geschlechtern getrennt. Im konservativen Quartier gab es noch Platz für das Ablegen zerstörter Religionsschriften. Anfangs waren die Gräber mit einer länglichen bogenförmigen Steinplatte gekennzeichnet. Man nennt sie Matzewen. Man legte viel Wert darauf, dass die Gräber Richtung Osten schauten, also Richtung Jerusalem. Mit der Zeit wurden die Gräber immer prächtiger und dekorativer.

Ohel

Des öfteren wurden kleine Kapellen aufgestellt (ohel). Eine erste Grabstätte in einer solchen Kapelle war die von Berk Sonnenberg, Sohn von Szmul Zbytkower (Dow Ber Sonnenberg / Berek Szmulowicz Sonnenberg). Es ist zugleich das wertvollste Ohel der jüdischen sepulkralen Kunst.

Sprachen der Inschriften

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Grabsteine nur auf hebräisch beschriftet. Am 27.4.1855 erlies der Präsident der Stadt Warschau eine Bestimmung, die bestimmte, dass auch der zivile Name in einer Sprache, die die Verwaltung kannte (Deutsch, Polnisch oder Russisch) aufgeschrieben werden solle. Das erste Grab mit einer dieser Sprachen auf dem Grabstein war Antoni Eisenbaum, Rektor der Rabbinerschule.

Während des 2. Weltkrieges und danach

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Grab von Ludwik Zamenhof – Gründer der Esperanto-Sprache / Nina G on flickr [CC BY-ND 2.0]

Der jüdische Friedhof an der Okopowa-Straße lag außerhalb der Ghettomauern. Daher blieb er bis zum Warschauer Aufstand von 1944 relativ unbeschädigt. Während des Aufstandes von 1944 fanden hier zahlreiche Kämpfe statt und auch die Aufständischen fanden hier relativ sicheren Unterschlupf. 

Da von den 350000 Warschauer nahezu alle ermordet wurden, gab es niemanden, der sich hätte um die Gräber und den Friedhof kümmern können. 

Berühmte Persönlichkeiten, die hier begraben sind (Auswahl): 

  • Jakub Mortkowicz 1876 – 1931

Buchhändler und Verleger

  • Hipolit Wawelberg 1843 – 1901

Bankier und Philantrop

  • Szymon Askenazy 1865 – 1935

Historiker, Diplomat und Politiker, Professor an den Universitäten in Lember und Warschau, Gründer der lembergischen Historikerschule – auch Askenazy-Schule genannt, Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften, erster polnischer Vertreter im Völkerbund

  • Adam Czerniakow 1880 – 1942

Ingenuer, Mitglied des polnischen Senats, Vorsitzender des Judenrates des Warschauer Ghettos

  • Feliks Perl 1871 – 1927

Publizist

  • Ludwik Zamenhof 1859 – 1917

Arzt und Erfinder der Esperanto-Sprache

  • Estera Kamińska Rachela 1870 – 1925

Schauspielerin

  • Icchak Perec 1851/1852 – 1915

Schriftsteller und Anwalt

 


Beitragsbild: Der Jüdische Friedhof in Warschau / Mycroyance on flickr [CC BY-NC 2.0]

 

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Veröffentlicht von

Antoni Wladyka

Antoni Wladyka ist seit 2013 lizenzierter Stadtführer in Warschau und Thorn, Deutschlehrer an Privatschulen, Journalist und Hobbyfotograf. Nach seinem Jurastudium an der Universität Bielefeld zog er nach Polen, wo er nun lebt und arbeitet.

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