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Juden in Warschau von 1527 bis 1795

Im Beitrag über die Juden in Warschau bis 1527 wurde die ersten Geschehnisse und Dokumente der Juden in dieser Region aufgezeigt. Das Jahr 1527 stellt in gewisser Weise eine Zäsur dar, denn die Juden wurden aus der Geschichte des mittelalterlichen Warschau gestrichen. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass das 16. Jahrhundert für die Juden in Polen die Goldene Zeit einläutet. Daran hat die gesellschaftliche Struktur und paradoxerweise die Toleranz der polnischen Eliten gegenüber Andersgläubigen einen großen Einfluß. Nicht ohne Grund nämlich lebten gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast 70 Prozent aller Juden weltweit innerhalb der Grenzen des Polnischen Königreiches. 

De non tolerandis Judaeis*

Nachdem der polnische König Sigismund I. der Alte der Stadt Warschau das Privileg de non tolerandis Judaeis zusprach, welches den Juden verbot sich auf dem Gebiet der Alten wie Neuen Stadt in Warschau niederzulassen und sich hier überhaupt aufzuhalten, zogen die Vertriebenen in die nächstgelegenen Ortschaften wie Czersk, Pułtusk, Błonia oder Nadarzyn. Sie lebten dort mit der Hoffnung bald wieder zurückkehren zu können.

Das Privileg konnte nur den der Krone zugehörigen Städten verliehen werden.

Alle Nachfolger des Königs bestätigten der warschauer Stadtbevölkerung dieses Privileg. Die Existenz der Juden auf warschauer Boden schien auf den ersten Blick besiegelt zu sein. Wenn da nicht die polnische Eigenheit des polnischen Adels wäre, dass der König zwar auf dem krakauer Thron sitzt und herrscht, seine Macht jedoch dort aufhört, wo das Land eines Adeligen anfängt. In privaten Städten (Juridika) genoßen die Juden absolute Handelsfreiheiten. Doch dazu gleich mehr.

Es gab nämlich noch eine Ausnahme des Verbots. Während der Reichstage (Sejm), welche sogar einige Wochen oder auch Monate dauern konnten, hatten die Juden das Recht die Stadt zu betreten und dort Handel zu treiben. In dieser Zeit zogen sie zu hunderten nach Warschau.

Als Gegenreaktion dazu gab es auch das Privileg de non tolerandis christianis, welches Christen verbot sich in jüdischen Gemeinden niederzulassen und zu wohnen. Dieses Privileg genoßen jedoch nur wenige Gemeinden wie z. B. die Gemeinden in Kazimierz bei Krakau (seit 1568), in Posen (seit 1633) sowie alle alle Gemeinden im Großfürstentum Litauen (seit 1645).

Warschau wird Hauptstadt des Königreiches

Mit der Zeit veränderte sich das Bild Warschaus erheblich und von einer relativ unbedeutenden Ortschaft an der Weichsel wurde die wichtigste Stadt des Königreiches. Der 1587 gewählte König Sigismund III. aus der Familie der Wasa und König von Schweden (bis 1599) verlegte den königlichen Hof von Krakau nach Warschau. Der offizielle Grund war ein Brand auf dem Wawelberg. Inoffiziell verlor Krakau an Einfluß zu Gunsten Warschaus und wurde auf diesem Wege zur Krönungsstadt degradiert. In Warschau wurden die Könige gewählt, der Masowsche Adel gewann immer mehr an Einfluß und von Warschau, welches (fast) in der Mitte des Landes lag, ließ sich das Königreich besser regieren. Das machte Warschau auch zum Anziehungspunkt für die Magnaten und den höheren Adel.

Die Warschauer Juridika

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Juridika in Warschau in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts / Hubert Śmietanka – wikimedia [CC BY-SA 3.0]

Durch die wachsende Position der Stadt im Lande zogen viele Ausländer aus Deutschland, Italien, Holland, Böhmen und sogar aus den östlichen Gebieten des Königreiches in die neue Hauptstadt.* Mit ihnen kamen auch die polnischen Magnatenfamilien sowie Angehörige des höheren Adels (szlachta). Mit ihnen fand die jüdische Bevölkerung einen starken Verbündeten, der die Stärken der Juden zu schätzen wusste. Wie oben erwähnt, hörte die königliche Macht dort auf, wo diejenige des Adeligen anfing. Das waren zum einen der Landbesitz und auf der anderen die sogenannten Juridika. Das waren Siedlungen vor den Toren der Stadt, welche weder der städtischen Gerichtsbarkeit noch Verwaltung unterstanden. Sie standen im Eigentum eines Adeligen, meist Magnaten, oder der Kirche. Die Juridika waren ein ernstzunehmender Konkurrent für die Städte, da sie durch keinerlei Gesetze beschränkt waren. Die Eigentümer hatten hier freie Hand in der rechtlichen wie strukturellen Gestaltung. Was auch bedeutete, dass sie hier entgegen des Privilegs de non tolerandis Judaeis auch Juden ansiedeln konnten. Der Grund für diese Asylpolitik war der materielle Vorteil, den man damit erwarb.

Ein klassisches Beispiel für eine Juridika, die nur deshalb gegründet wurde, um dort Juden anzulocken, war Neues Jerusalem von Józef Potocki im Jahre 1774. Sie wurde nach nur 2 Jahren verboten und zerstört, zeigt allerdings welche Möglichkeiten die Magnaten hatten und auch nutzten.

*Offiziell blieb Krakau weiterhin die Hauptstadt des Königreiches Polen. Daher fanden auch dort die Königskrönungen statt. Dieser Schwebezustand wurde erst mit der Verfassung vom 3. Mai 1791 geregelt.

Die Einwohnerentwicklung der jüdischen Bevölkerung

Die Anzahl der Juden in Warschau bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war sehr gering. Daher gibt es auch nur wenige Dokumente, die eine Auskunft geben können, wieviele tatsächlich in Warschau zu Hause waren.

Ab  den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts wächst die Zahl der Juden erstaunlich schnell. Zur Erinnerung: die Krönung des letzten polnischen Königs Stanisław August Poniatowski fand 1764 statt – das einzige Mal in der Johanneskathedrale in Warschau und nicht auf dem Wawelberg in Krakau.

1764 lebten in Warschau nach offiziellen angaben 2519 Juden. 1792 waren es schon ca. 7000. Der Großteil dieser Juden – fast 3000 –  tummelte sich in der Nähe des ehemaligen Marywil und entlang der Straßen Senatorska, Daniłowiczowska, Bielańska und Długa. Auch wurde die 1776 zerstörte Juridika Neues Jerusalem erneut gegründet.

Juden werden zu Konkurrenten

Handwerk

Die Mitglieder eine Zunft in jeder Stadt waren an sehr strenge und steife Organisationsstrukturen gebunden. Auch konnten sie nicht jeden Einstellen, den sie wollten. Die Juden, die außerhalb der Stadt wohnten, genoßen die Vorteile der relativ freien Berufsausübung und stellten ihre nicht-qualifizierten Familienmitglieder bei der Herstellung ihrer Produkte ein. So konnten sie wesentlich mehr mit wesentlich niedrigeren Kosten produziere.

Im Schneiderhandwerk und der Kürschnerei führte die Aktivität der Juden sogar zur beinahen Auflösung der städtischen Produktion. Da halfen auch gezielte Pogrome nicht.

Handel

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts erfuhren die jüdischen Händler einen starken sozialen Aufstieg in Warschau. Das schnelle Bevölkerungswachstum und die damit einhergehende Grenzerweiterung sprengten die Festigkeit der alteingesessenen Händlerfamilien und zwangen sie nicht nur die Ausländer sondern auch die Juden Eintritt zu gewähren in ihre Reihen.

So war 1792 schon fast jeder Dritte Händler oder Kaufmann ein Jude. Aus dieser Zeit stammen die bekanntesten Vertreter der jüdischen Kaufmannsfamilien Szmul Zbytkower, die Brüder Jakub und Simon Simonis, Józef Mirkowicz, Szaj Wolfowicz, Nut Markowicz sowie Herszk Boruchowicz.

Das letzte Jahrhundert der 1. Rzeczpospolita

Im Jahre 1768, während der Regierungszeit des letzten polnischen Königs Stanisław August Poniatowski, erhielten die Juden das Recht sich auf dem Gebiet Masowiens niederzulassen. Die Zahl der Juden in Masowien war am Anfang des 18. Jahrhunderts sehr gering. Noch bis 1768 kann nicht von einer organisierten Form der Siedlungen wie zum Beispiel der Gründung einer Jüdischen Gemeinde gesprochen werden.

Der Aufstieg der Juden im Handel und Handwerk führte derweilen zu einem Problem, welches gelöst werden musste. Die Chance dazu hatte man während des Vierährigen Sejm. Doch in Anbetracht der nahezu unmöglich zu lösenden politischen wie wirtschaftlichen Probleme blieb auch das „Problem der Juden“ ohne Lösung.

Schließlich folgte der fehlgeschlagene Kościuszko-Aufstand von 1794 und Dritte Polnische Teilung von 1795. Ein unabhängiges Polen entstand erst wieder am 11. November 1918.

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Berek Joselewicz gemalt von Juliusz Kossak

Während des Kościuszko-Aufstandes blieben nicht alle Juden untätig. Der jüdische Kaufmann Berek Joselewicz stellte ein Regiment auf, an dessen Spitze er selber stand. Am 17. Oktober 1794 sprach er zu seinen Soldaten: „Hört her, Kinder des Volkes der Israeliten!. Wer Gott den Allmächtigen in seinem Herz trägt und dem Vaterland zur Seite stehen will, was jeder tun sollte – der hat nun die Möglichkeit dies zu vollbringen. Wer die Freiheit erlangen will und wer sich um der Freiheit verdient machen will, der kämpfe für das Vaterland, solange in ihm das Blut noch fließt.“

Bücherquellen:

 

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Veröffentlicht von

Antoni Wladyka

Antoni Wladyka ist seit 2013 lizenzierter Stadtführer in Warschau und Thorn, Deutschlehrer an Privatschulen, Journalist und Hobbyfotograf. Nach seinem Jurastudium an der Universität Bielefeld zog er nach Polen, wo er nun lebt und arbeitet.

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