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Die ersten Juden in Warschau (bis 1527)

Die ersten Juden in Warschau

Die Wissenschaft kann kein konkretes Jahr benennen, in welchem tatsächlich die ersten Juden nach Warschau und Masowien kamen. Diese Gebiete waren in den Anfangsjahren des Bestehens des polnischen Staatswesens (seit 966) wirtschaftlich sehr zurückgeblieben. Insoweit gibt es kaum historische Dokumente über die Gesellschaftsstrukturen, die Wirtschaft oder kulturelle Ereignisse. Auf den Gebiet der Stadt Warschau gibt es auch keine archeologischen Fundstücke oder schriftlichen Zeugnisse über die ersten jüdischen  Siedler. Die erste schriftliche Erwähnung überhaupt, die eine organisierte Niederlassung bezeugt, stammt aus dem Jahre 1414. Seit diesem Jahr häufen sich dann auch Schriftstücke über getätigte Handels- oder Kreditgeschäfte, dessen eine Partei jüdischer Herkunft war. Dem muss also schon eine bestehende und relativ aklimatisierte Gemeinde vorausgegangen sein, die im 15. Jahrhundert ca. 100 bis 120 Personen umfasste. So sehen die Anfänge der ersten Juden in Warschau aus. 

Die Jüdische Straße in Warschau

Die jüdische Gemeinde hatte ihr eigenes kleines Viertel auf dem Gebiet der Altstadt. Dessen Hauptschlagader war die namentlich nicht mehr existierende Jüdische Strasse (ulica Żydowska). Die platea Judaeorum verlief parallel zur Piwna-Straße auf der Länge vom Wąski Dunaj bis zur Piekarska-Straße und war ca. 54 Meter lang sowie 4 Meter breit.

Auf der Karte trägt die Piwna-Straße noch den Namen ulica Św. Marcina.

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Die Jüdische Straße (Żydowska) in Warschau im 15. Jahrhundert. Am damaligen Südtor der Stadt steht heute die Sigismundsäule. Rechts unten steht heute das Königsschloß / warszawikia [CC BY-SA 2.5]

Entlang der Straße stand den Juden eine Synagoge und ein rituelles Tauchbad, die Mikwe, zur Verfügung. Außerhalb der Stadt lag der jüdische Friedhof.

Der cimeterium Judaeorum befand sich auf Weg nach Czersk, wie es in einem Schriftzug aus der Zeit des Fürsten Bolesław V. (1453 – 1488) nachzulesen ist. Somit lässt sich der Friedhof in der Nähe der heutigen Krakowskie-Przedmieście-Straße lokalisieren und wahrscheinlich ist demnach die unmittelbare Nähe zum katholischen Friedhof. Bei 100 bis 120 Gemeindemitgliedern dürfte die letzte Ruhestätte nicht sonderlich groß gewesen sein. Die Schließung erfolgte spätestens im Jahre 1527 mit der juristisch untermauerten Vertreibung der Juden aus der Stadt (Privileg de non tolerandis Judaeis – mehr dazu im Beitrag Juden in Warschau von 1527 bis 1795. Die nächsten 2 Jahrhunderte lang begruben die Juden ihre Familienmitglieder in den umliegenden Städten Nowy Dwór, Grodzisk oder Sochaczew.

Grundsätzlich waren die Juden von der städtischen Jurisdiktion ausgeschloßen und unterstanden dem persönlichen Schutz des Fürsten von Masowien. Demnach unterstanden sie auch der Laune eines jeden von ihnen.

Jüdisch-bürgerlicher Konkurrenzkampf

Das Leben der Juden in Warschau im 15. Jahrhundert ist nicht wirklich dokumentiert. Gewiß ist jedoch, dass es viele Konflikte gab zwischen der städtischen Bevölkerung und der prosperierenden jüdischen Gemeinde. Die Bürger wollten die Konkurrenten loswerden, um so ihren eigenen wirtschaftlichen Aufschwung beizubehalten. In den Jahren 1454-1455 kam es zu Pogromen, die von den Bernhardinern gesteuert wurden. Doch es kam noch schlimmer. 1483 mussten sie – der Fürst muss schlecht gelaunt gewesen sein – die Stadt verlassen und all ihr Hab und Gut zurücklassen. Erst 1486 durften sie zurückkehren. Der Entscheidungsträger war damals Fürst Bolesław V. (ca. 1453-1488).

Die endgültige Vertreibung aus der Stadt

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Die letzten Fürsten von Masowien Janusz III. (links) und Stanisław (Mitte). Rechts im Bild steht deren Schwester Anna von Masowien [⊕ auf Bild klicken]

Mit dem Tod der letzten Fürsten von Masowien im Jahre 1525 wurde dieses Gebiet dem Königreich Polen einverleibt. Am 25. August 1526 kam der König von Polen Sigismund I. der Alte persönlich nach Warschau, um damit seinen Willen kundzutun, dass diese Ländereien nun ihm gehören

Sigismund erließ 1527 das Privileg de non tolerandis Judaeis, welches den Juden auf immer und ewig verbot sich auf dem Gebiet der Alten wie Neuen Stadt niederzulassen, Eigentum zu besitzen oder sich gar hier aufzuhalten. Für die Bürger war es der endgültige Sieg im Kampf um die Einflüße in der Stadt. Eine Ausnahme gab es allerdings doch – während der Reichstage (Sejm), die seit 1569 in Warschau stattfinden sollten, durften sie sich in der Stadt aufhalten und Handel treiben so viel sie wollten.

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Veröffentlicht von

Antoni Wladyka

Antoni Wladyka ist seit 2013 lizenzierter Stadtführer in Warschau und Thorn, Deutschlehrer an Privatschulen, Journalist und Hobbyfotograf. Nach seinem Jurastudium an der Universität Bielefeld zog er nach Polen, wo er nun lebt und arbeitet.

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