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Eine Glocke in Warschau "Made in Germany"


Schau mal um die Ecke!

Die meisten betreten die Warschauer Altstadt durch die Straßen Piwna oder Świętojańska. Die zweite ist benannt nach der auffälligen aus Ziegelsteinen (wieder)erbauten Johannes-Kathedrale und ist seit Jahrhunderten der Hauptweg in der Altstadt. Waren es seit und vor Jahrhunderten die Handelskarawanen, die die Straße füllten, so sind es heute Gäste aus aller Welt. 

Da die Altstadt in Warschau geschichtlich bedingt relativ klein ist, kann man ohne Sorge, dass man verloren geht, gerne auch mal die ruhigen Seitenstraßen betreten, wo man kleine Schätze entdecken kann. Dieses Mal soll es die Kanonia-Straße hinter der Johannes-Kathedrale sein. Dort findet man eine Glocke der ganz besonderen Art. 

Kanonia-Straße

Diese kurze und charmante Straße befindet sich hinter der Johannes-Kathedrale, wo im Mittelalter auch der Friedhof war. Am einfachsten ist es sich an der Touristeninformation auf dem Königsschloßplatz eine kostenlose Karte Warschaus zu holen, um sich zu orientieren. Dort ist auf der Rückseite die Altstadt in größerer Form abgebildet. Doch auch ohne Karte gelangt man ohne Probleme dorthin. Man muss einfach vor die Kathedrale stellen und den Weg zu Rechten nehmen. Dort befindet sich ein Durchgang unter dem Glockenturm. Am Ende dieses Weges ist die Kanonia-Straße. 

Die Glocke

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Die Glocke in der Kanonia-Straße in Warschau / Walking Poland on flickr [CC BY-SA 2.0]

Im nördlichen Abschnitt der Kanonia-Straße steht sie nun auf einem kleinem Platz – eine Glocke.

In den Gesichtern vieler Gäste sehe die Verwunderung ins Gesicht geschrieben, da in ihren Reiseführern oftmals nichts über diesen großen Bimmel steht. Die Geschichte, die sich dahinter versteckt, ist so abwägig, dass man von alleine sicherlich nicht drauf kommt. Vielleicht hat sie auch schlicht jemand vergessen?

Vor allem für unsere aus Gäste Deutschland beherbergt die Glocke einen besonderen Wert!

Stammdaten

Der Guß erfolgte 1646 in Warschau. Der Glockengießer hatte 1643 auch die Sigismundsäule gegoßen, welche bis heute auf dem Königsschloßplatz steht und somit auch das älteste Denkmal in Warschau präsentiert. Die Glocke sollte ursprünglich im Glockenturm von Jaroslaw  hängen, kam dort aber nie an. Seit 1972 ziert sie diesen kleinen Platz, doch niemand kann genau sagen, wie sie hierhin gelangt ist.

Wünsch Dir was!

Die Legende sagt, dass wenn man die Spitze der Glocke berührt und drei Mal um die Glocke herum geht, ein Wunsch in Erfüllung geht. Eine andere Variante lässt das einmalige Klopfen genügen. Versuchen schadet nicht!

Der Glockengießer – ein Deutscher

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„Mit Gottes Hülfe gos mich Daniel Tiem“ – Aufschrift auf der Glocke in der Kanonia-Straße / Walking Poland on flickr [CC BY-SA 2.0]

Ihr könnt es sogar auf der Glocke selbst nachlesen. Dort steht geschrieben – Bronze auf Bronze – „Mit Gotes Hülf gos mich Daniel Tiem“. Viel weiß man nicht über ihn. Er war Glockengießer – das war es auch schon. Seine Werke waren mal besser und mal schlechter. Die Sigismundstatue hat unzähliche Kriege ausgehalten und einen Aufprall auf den Boden während des 2. Weltkrieges. Sicherlich hat er dabei gute Arbeit geleistet.

Im Falle der Glocke kann man an den Rissen erkennen, dass die Mischung nicht die Beste war. Herr Thiem muss damals einen schlechten Tag erwischt haben. Made in Germany – die hohe Wertstellung deutscher Wertarbeit – musste man sich mit harter Arbeit erarbeiten. Und das dauerte dann doch noch ganze drei Jahrhunderte.


Beitragsbild: Kanonia-Straße in der Warschauer Altstadt / Carlos Delgado on wikimedia [CC BY-SA 3.0]

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Veröffentlicht von

Antoni Wladyka

Antoni Wladyka ist seit 2013 lizenzierter Stadtführer in Warschau und Thorn, Deutschlehrer an Privatschulen, Journalist und Hobbyfotograf. Nach seinem Jurastudium an der Universität Bielefeld zog er nach Polen, wo er nun lebt und arbeitet.

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